Die Spielregeln für den Krieg. Das ist das internationale humanitäre Völkerrecht. Regeln, die festlegen, was im Krieg erlaubt und was nicht erlaubt ist.
Regeln sind unangenehm, insbesondere wenn deren Durchsetzung auch noch von einer anerkanntermassen unabhängigen Instanz verfochten wird.
Etwas mehr Spielraum gibt’s freilich für politische Attacken gegen die Spielregeln – dort kann der Gegner sehr viel mutwilliger delegitimiert und ausgehebelt werden.
Wovon reden wir: Wir reden vom Frontalangriff israelischer Regierungsstellen und verbundenen Organisationen auf das humanitäre Völkerrecht.
Ausgangspunkt dieses beunruhigenden Trends ist der Goldstone – Untersuchungsbericht zu mutmasslichen Verletzungen des humanitären Völkerrechts während des israelischen Gaza – Krieges. Der Bericht traf einen Nerv, den Nerv der accountability, des zur Verantwortung gezogen werden. Die israelische Kriegsführung wird auf 557 Seiten ebenso detailliert aufgezeigt wie das Vorgehen der Hamas – Bewegung – ein überaus wenig schmeichelhaftes Facts-sheet des Völkerrechtlers Goldstone, das die„moralischte Armee der Welt“ doch teils eher wie eine No mercy - Organisation aussehen lässt. Und das mantra-artig vorgeführte Argument der Selbstverteidigung ist nach der Lektüre des Goldstone – Berichts nicht mal mehr ein Kopfschütteln wert.
In der Folge beginnt, wie so häufig, eine eigentliche Delegitimations-Kampagne: Goldstone gerät unter die Räder. Premier, Minister, Journalisten und sonstige selbsternannte Demokratie – Wächter Israels machen den Mann fertig. Das am häufigsten angefügte Argument: Anti- Semitismus. Vorläufig jüngster Akt in dieser Causa ist die Delegitimation des New Israel Fund NIF und deren Präsidentin Naomi Chazan; das Kampfblatt Jerusalem Post hat Chazan soeben als Kolumnisten nach zehn Jahren in die Wüste geschickt.
Zu den Trommlern an vorderster Front gehört eine umtriebige Organisation Namens NGO Monitor des an der Bar Ilan Universität lehrenden Politologen Gerald Steinberg. Diese NGO hat es sich zur Aufgabe gemacht, Feinde Israels aus- und nieder zu machen. Steinberg und seine Leute spielen immer auf den Mann, zum Beispiel auf Chazan oder eben Goldstone. Genauer gesagt, sie spielen auf die ausländischen Sponsoren, welche israelische und ausländische Menschenrechts- NGO’s unterstützen, welche Israels Verhalten unter humanitärem Völkerrecht beleuchten.
So fand in Jerusalem zum Beispiel eine Konferenz unter dem Titel „Hamas, the Gaza War, and Accountability under International Law“ statt. Nicht, dass dort auch nur eine einzige Stimme mit einer wenigstens dem Schein nach gewahrten Distanz zur israelischen Regierungspolitik zu hören gewesen wäre. Nein, Steinberg forderte dort die EU, Länder wie Frankreich, Norwegen, Dänemark, die Schweiz oder die Niederlande auf, ihr Sponsoring für NGO’s in Israel zu stoppen, da diese eine „NGO warfare against Israel“ führten – der Mann spricht in der Tat von einem Krieg der humanitären Organisationen gegen Israel. Es sind Sätze zu hören wie „Die NGO’s werden zum Sieg der Terroristen beitragen.“
Durchgeführt wurde diese Konferenz der langen Messer übrigens von, na ahnen Sie’s? Nein? Es war die deutsche Konrad Adenauer Stiftung und deren Direktor in Israel, Lars Hänsel.
Und das hier ist, so NGO Monitor, eine Auswahl der Terroristen – Helfer:
Auf einer anderen Ebene, aber mit demselben Ziel, argumentieren Leute wie Asa Kasher. Der Philosoph der Uni Tel Aviv ist eine Berühmtheit in Militär- Kreisen. Der Mann schrieb in den 90er Jahren einen Ethik – Code für die israelische Armee – ein Code, der unter anderem die gezielte Tötung von Kämpfern vorsieht, auch wenn dabei unbeteiligte Zivilisten umkommen.
Kasher trat wieder ans Rednerpult. Und sagt, worum’s geht:
"The more often Western states apply principles that originated in Israel to their own non-traditional conflicts in places like Afghanistan and Iraq, then the greater the chance these principles have of becoming a valuable part of international law."
Man kann das eine Licence for war nennen. Zumindest aber sagt der Ethik – Coach der israelischen Armee, worum‘s geht: Weg mit Spielregeln, welche die israelische Armee behindern.
Kommentare
Martin Müller:
Ein sehr interessanter Eintrag! Wie andere Unrechtsstaaten (z.B. Mugabe's Simbabwe) hat offensichtlich auch Israel keinerlei Unrechtsbewusstsein, Sein Motto: "Wir waren doch einmal das Opfer und können deshalb gar keine Täter sein". Solange die Welt dies auch so sieht, kann's keinen Frieden im Nahen Osten geben. Eigentlich sollten künftig alle Holocaust-Gedenkveranstaltungen gestrichen werden, solange Israel Besatzungsmacht ist und sich völkerrechtswidrig verhält. Um klarzumachen, dass das jüdische Israel schon lange kein Opfer mehr, sondern Täter ist.
@Martin:
Kann Ihren Vergleich zwischen Verletzungen des int. humanitären Völkerrechts und Holocaust- Gedenkveranstaltungen nicht nachvollziehen. Es gibt kein schwarz / weiss, oder, wenn Sie wollen, Opfer / Täter - Schema: in diesem Konflikt tragen alle Konfliktparteien Verantwortung für das Versagen von Politikern, Militärs / Extremisten. Also ist die Frage eher: Weshalb nimmt die internationale Staatengemeinschaft, die Bevölkerung "des Westens" systematische Verletzungen des humanitären Völkerrechts hin, und stellt dem Versuch der israelischen Regierung kaum etwas entgegen, das humanitäre Völkerrecht weiter aufzuweichen?
@André Marty: eine mögliche Antwort auf Ihre Frage am Schluss ist eben die, dass die (westliche) Welt gegenüber Israel immer noch eine "Beisshemmung" hat (im Gegensatz zum Verhalten gegenüber der Hamas). Dies unter anderem aufgrund des von Israel permanent gepflegten schlechten Gewissens des Westens wegen des Holocausts. Aber vielleicht ist die Antwort auch vielmehr die, dass der Westen einfach seinen strategischen "Brückenkopf" Israel im arabischen Raum nicht verlieren will und deshalb nicht durchgreift.
Herr Müller sie verkennen die Realität! Natürlich sind die Juden noch immer Opfer! damals wollten die Deutschen diese auslöschen,heute die Araber/Palästinenser seid 1948,als die Teilung des Landes abgelehnt wurde und die Araber den Krieg erklärten bis heute wird dies versucht.Sie ignorieren die tausende Raketen auf Israel!
@Luise: Wenn jemand Fremder entscheidet, Ihnen die Hälfte Ihres Grundstücks wegzunehmen und sie einem anderen Fremden zu schenken, und dieser Fremde dann beginnt, sie zu malträtieren, zu diskriminieren und wegzuekeln, damit er auch Ihre Hälfte des Grundstücks bekommt: Was würden Sie tun? Denn dies ist m.E. die Realität.
Vielen Dank für den Beitrag und für die unermüdliche Informationsarbeit.
Sowohl Naomi Chazan wie auch Justice Richard Goldstone bin ich persönlich begegnet. Beide schätze ich sehr.
Mehrere der im Eintrag erwähnten Organisationen und Institutionen kenne ich. Während Jahren war ich zum Beispiel aktiv bei Terre des hommes.
Nach bald 30 Jahren Brückleinbau zwischen Juden, Jüdinnen und PalästinenserInnen komme ich seit längerer Zeit zum Schluss, dass die Politik Israels PalästinenserInnen gegenüber aus ethischer humanitärer und völkerrechtlicher Sicht nicht zu rechtfertigen und unverantwortbar ist.
Ich fordere deshalb Menschen guten Willens, denen die Menschenrechte Anliegen sind, zum gewaltlosen und konstruktiven Widerstand gegen diese Politik auf - dies unter Wahrung der Bereitschaft zur Verständigung, wo auch immer Zeichen dafür ersichtlich werden.
Jochi Weil-Goldstein, Zürich,
- Initiator des Appells besorgter Jüdinnen und Juden an die israelische Regierung www.humanrights-in-israel.ch
- Verantwortlicher zur Unterstützng basismedizinischer Projekte in Palästina und zwischen Israel und Palästina bei medico international schweiz, vormals Centrale Sanitaire Suisse CSS Zürich www.medicointernational.ch
Montag, 8. Februar 2010 um 10:21 >> antworten
Kann Ihren Vergleich zwischen Verletzungen des int. humanitären Völkerrechts und Holocaust- Gedenkveranstaltungen nicht nachvollziehen. Es gibt kein schwarz / weiss, oder, wenn Sie wollen, Opfer / Täter - Schema: in diesem Konflikt tragen alle Konfliktparteien Verantwortung für das Versagen von Politikern, Militärs / Extremisten. Also ist die Frage eher: Weshalb nimmt die internationale Staatengemeinschaft, die Bevölkerung "des Westens" systematische Verletzungen des humanitären Völkerrechts hin, und stellt dem Versuch der israelischen Regierung kaum etwas entgegen, das humanitäre Völkerrecht weiter aufzuweichen?
Montag, 8. Februar 2010 um 14:20 >> antworten
Montag, 8. Februar 2010 um 15:33 >> antworten
Montag, 15. Februar 2010 um 11:25 >> antworten
Montag, 15. Februar 2010 um 12:03 >> antworten
Sowohl Naomi Chazan wie auch Justice Richard Goldstone bin ich persönlich begegnet. Beide schätze ich sehr.
Mehrere der im Eintrag erwähnten Organisationen und Institutionen kenne ich. Während Jahren war ich zum Beispiel aktiv bei Terre des hommes.
Nach bald 30 Jahren Brückleinbau zwischen Juden, Jüdinnen und PalästinenserInnen komme ich seit längerer Zeit zum Schluss, dass die Politik Israels PalästinenserInnen gegenüber aus ethischer humanitärer und völkerrechtlicher Sicht nicht zu rechtfertigen und unverantwortbar ist.
Ich fordere deshalb Menschen guten Willens, denen die Menschenrechte Anliegen sind, zum gewaltlosen und konstruktiven Widerstand gegen diese Politik auf - dies unter Wahrung der Bereitschaft zur Verständigung, wo auch immer Zeichen dafür ersichtlich werden.
Jochi Weil-Goldstein, Zürich,
- Initiator des Appells besorgter Jüdinnen und Juden an die israelische Regierung www.humanrights-in-israel.ch
- Verantwortlicher zur Unterstützng basismedizinischer Projekte in Palästina und zwischen Israel und Palästina bei medico international schweiz, vormals Centrale Sanitaire Suisse CSS Zürich www.medicointernational.ch
Dienstag, 9. Februar 2010 um 16:44 >> antworten