Carsten Kühntopp, Du berichtest seit 2001 für den ARD-Rundfunk aus dem Nahen Osten, zunächst fünf Jahre aus Tel Aviv, nun seit anderthalb Jahren aus Amman: wo lebt sich's denn besser, in Israel oder Jordanien?
In Jordanien geht’s mir besser, als drüben, nicht zuletzt weil es hier in den Supermärkten Haribo gibt. Das musste ich in Israel immer mühsam im Reisegepäck aus Deutschland einführen.
Spaß beiseite. Es war sehr eigenartig: Je länger ich in Tel Aviv lebte, desto weniger verstand ich die Israelis und ihre Sicht der Welt. Nie hat Israel den Marsch in die besetzten Gebiete gestoppt, bis heute nicht – obwohl ihnen das immer nur noch mehr Gewalt und Unfrieden gebracht hat.
Im Laufe der Jahre fiel es mir auch immer schwerer, die Dinge zu trennen: Am Samstagvormittag bin ich gerne die Strandpromenade von Tel Aviv entlanggegangen. Aber während ich zusah, wie junge Kerle Beachvolleyball spielten oder ältere Herrschaften beim Gordon-Schwimmbad Volkstänze tanzten, musste ich immer daran denken, welche Zustände ein paar Kilometer weiter östlich unter dem Regime der Besatzungsarmee herrschten.
Tönt nach Verdrängen...
...genau. Damit die „Tel Avivis" einen unbeschwerten Sabbat genießen können, wird ein ganzes Volk weggesperrt, eingemauert und umzäunt. (Und wie wir wissen, begann Israel bereits 1991, also lange vor den ersten großen Selbstmordanschlägen, damit, die Bewegungsfreiheit der Palästinenser immer weiter einzuschränken.)
Die Fähigkeit, dies zu verdrängen, haben die Israelis längst perfektioniert, aber bei mir klappte das im Laufe der Jahre immer schlechter. Deshalb fühlte ich mich in Israel immer fremder und einsamer.
Geht zwar Deine Hörer nichts an, aber Du bist ein grosser Autofan. Wie haben's denn die Jordanier mit deinem Jeep?
Man scheint ihn so zu lieben, wie ich: Jeden Morgen wird er vom Wärter unseres Mietshauses von Hand gewaschen! Eigentlich ein Umweltverbrechen, weil Jordanien eines der wasserärmsten Länder der Welt ist. Aber das kriegt man hier nicht aus den Leuten raus: In den Ammaner Villenvierteln stehen die Hauswarte jeden Morgen mit Eimer und Schwamm auf der Straße und waschen die dicken SUVs ihrer reichen Arbeitgeber. Man gewöhnt sich auch dran: Als ich nach einem Jahr in Jordanien zum ersten Mal wieder zu Besuch in Deutschland war, wunderte ich mich darüber, dass die Autos da so liederlich und dreckig waren.
In Israel wurde Premier Olmert heftig für den konzept- und führungslos losgetretenen zweiten Libanon-Krieg kritisiert, will aber nicht zurücktreten. Wie würdest Du Olmert charakterisieren?
Olmert ist für mich eine Enttäuschung, wenngleich keine allzu große. Als er Regierungschef wurde, hatte ich zunächst die Hoffnung, dass er vielleicht das Ruder herumreißen würde – schließlich war er ja ein ganz gewöhnlicher Berufspolitiker, während seine Vorgänger alle aus dem Sicherheits- und Militärapparat gekommen waren.
Doch wie er dann im Juli 2006 auf die Provokation von Hisbollah antwortete, zeigte, dass auch er in den üblichen israelischen Verhaltensmustern gefangen war: Wenn Gewalt nicht hilft, probiert man es mit noch mehr Gewalt.
Gäbe es denn wirkliche Alternativen zu Olmert?
Letztlich ist es egal, wer israelischer Ministerpräsident ist und welchem Lager er angehört.
Es war Ehud Barak von der Arbeitspartei, der mit seinem Gerede, dass man auf der palästinensischen Seite „keinen Partner" für den Frieden habe, den Friedensprozess zerstörte. Und es war Ariel Scharon vom Likud, der die Siedlungen und Armeelager im Gaza-Streifen aufgab.
Deutliche Worte, Herr Kollege!
Solange es in der israelischen Gesellschaft keine grundsätzliche Einsicht gibt, dass es entweder Land oder Frieden gibt, aber niemals beides zusammen, solange wird Israel nicht die erstrebte Sicherheit bekommen.
Olmert reist übernächste Woche nach Deutschland zu seiner politischen Freundin Angela Merkel. Hand aufs Herz: ein deutscher Journalist hat Beisshemmungen, wenn's um israel geht.
Ja, leider. Wenn es um Israel geht, ist es mit dem Gebot der journalistischen Distanz und Neutralität häufig vorbei. Stattdessen wird verlangt, dass die Berichterstattung aus Tel Aviv von dem Gefühl der emotionalen Nähe und Verbundenheit mit Israel durchdrungen ist, nach dem Motto: „Ich bin ein guter Freund Israels, und als guter Freund gestatte ich mir auch mal einige kritische Worte." Das ist völlig unjournalistisch, und niemand würde das von dem Korrespondenten in Stockholm, Warschau oder Johannesburg verlangen.
Alles in allem ist die Berichterstattung bei „BBC World" oder bei „Al-Jazeera English" viel ausgewogener und fairer, als alles, was es im deutschen Fernsehen zu sehen gibt.
In den deutschen Medien findet man in der Regel eine eindeutig anti-palästinensische Schlagseite. Zum Teil grenzt das sogar an anti-arabischen Rassismus.
Bis heute hat sich auch keines der großen deutschen Medienunternehmen getraut, einen Korrespondenten arabischer Herkunft oder muslimischen Glaubens nach Tel Aviv zu schicken.
Carsten, was wird uns in den nächsten Wochen journalistisch beschäftigen?
Keine Ahnung. Ich wohne zwar im „Greater Holy Land", bin aber kein Prophet.
Kommentare
Jens Daniel:
Dieses interview ist doch der hochgradige Schwachsinn. Eoin Journalist, der praktisch nur antiisraelisch argumentiert und wie man bei tagesschau.de usw. sehen kann nur proarabisch berichtet, behauptet dann, dass die deutschen Journalisten nur proisraelisch berichten und dass al-jazeera (öfters mal mit Holocaustjubelarien) neutral wäre....
Was gilt denn jetzt? Ein ehemaliger Bayern3-Popredakteur widerspricht sich selbst
da kann ich Jens Daniel nur zustimmen. Im schweizer Fernsehen spielt Andre Marty dieselbe araberfreundliche Rolle, ärgerilch, dass ich dafür auch noch zahlen muss.
Gut gibts die Blogs
bin da absolut Herrn Kühntopps Meinung, verstehe aber auch, dass sich die Meinungen zu dem Thema so stark unterscheiden, schliesslich lassen sich eben viele Menschen von unseren Mainstreammedien blenden. Und ob gewollt oder nicht, unsere Medien sind STARK zensiert, teilweise gar Propaganda. Nur mit Menschlickeit hat das eben leider nichts mehr zu tun...
nochmals vielen Dank Herr Kühntopp für diese mutige Einschätzung der Lage in Israel und Palästina...
Ja, für die "araberfreundliche Rolle" wollen Sie nicht zahlen, das eröffnet ja ganz große Einblicke in Ihre Ansicht zur ausgewogenen Berichterstattung. Abgesehen davon hat Kühntopp recht: Er ist bisher der einzige mir bekannte deutsche Korrespondent, der derart kritisch auf dem Nahen Osten berichtet. Damit widerspricht er sich keinesfalls: er ist schließlich die Ausnahme. Die dt. Berichterstattung ist proisraelisch und er ist es nicht. Ob das Interview selbst jetzt besonders gut ist, möchte ich dahingestellt lassen. SUVs sind nicht ganz mein Thema...
Wenn man dieses Interview liest, weiss man, wessen Sicht getrübt ist. Es gibt in Deutschland Studien, die belegen, dass die Öffentlich-Rechtlichen über diesen Konflikt im Durchschnitt mehr pro-arabisch berichten.
Wenn mann weiss, wie weit heute die Kassam-Rakten fliegen, erkennt man, wie überlebenswichtig Land als Abstandhalter für Frieden ist.
Wenn man sieht, wie deutsche Polzisten pro-arabische Demonstrationen wie in Duisburg "schützen", indem sie bei Unbeteiligten im vierten Stock die Tür eintreten und die Israelflagge aus dem Fenster oder vom Balkon reissen, dann kann man nicht mehr glauben, dass Deutschland so pro-israelisch sei, wie Herr Herr Kollege: Carsten Kühntop glauben machen möchte.
Herr Kühntopp, Sie sollten vielleicht besser die wahren Ursachen erforschen statt erst 1991 anszusetzen. Die Agressionen begannen damit, dass Gross-Britannien Palästina sowohl den Arabern als auch den Juden versprach. Sie begann damit, dass die Arbaber die Zwei-Staaten-Lösung nicht akzeptieren wollten. Hamas will sie bis heute nicht akzeptieren. Bis heute wollen Sie die Israelis *ins Meer treiben*.
Ich bitte Sie, statt antijüdischen oder pro-arabische Rassismus zu betreiben künftig neutraler zu berichten. Beide Seiten haben Fehler gemacht und nur, wenn Sie helfen, beide Seiten zu versöhnen, hat Palästina (der israelische sowie der arabische Teil) eine Chance auf Frieden.
Wolf Biermann fasst das Dilemma wie folgt zusammen:
Wenn die Araber die Waffen niederlegen, wird es keinen Krieg mehr geben.
Aber wenn Israel die Waffen niederlegt, wird es Israel nicht mehr geben.
In Gottes Namen bitte ich Sie, fangen Sie an, zu versöhnen!
Ich finde das Interview auch gut und überhaupt nicht pro für irgendwen.
Wenn man neutral berichtet so kann nur ein Anti-Israel und Anti-Besatzungs Bericht daraus folgen.
Ein Volk von 1.5 Millionen Menschen im größten Freiluft Gefängnis ein zu sperren und dann noch von jeglicher Hilfeleistung zu blockieren ist ein Verbrechen an die Menschlichkeit.
Im Gaza-Krieg starben nicht nur 1400 Menschen sondern auch die Menschlichkeit von Israel.
Im Gaza-Krieg wurden nicht nur über 4000 Menschen verletzt sondern auch die Menschenrechte.
Herzlichen Dank für das interessante Interview. Endlich ein deutscher Journalist, der unvoreingenommen berichtet.
Es wäre sehr schön, wenn er auch mal größere Reportagen oder Feature aus Palästina/Nahost machern könnte.Übrigens: wann endlich gibt es den ersten deutschen "Palästinakorrespon-
denten",also keinen Israeljournalsten, der auch mal aus den "Territories" berichtet und dabei seine israelische Brille nicht absetzt...Wann endlich?
herzliche Grüße!
Was gilt denn jetzt? Ein ehemaliger Bayern3-Popredakteur widerspricht sich selbst
Sonntag, 10. Februar 2008 um 16:24 >> antworten
Gut gibts die Blogs
Dienstag, 26. Februar 2008 um 13:38 >> antworten
Sonntag, 18. Januar 2009 um 16:50 >> antworten
nochmals vielen Dank Herr Kühntopp für diese mutige Einschätzung der Lage in Israel und Palästina...
Montag, 19. Januar 2009 um 21:54 >> antworten
Dienstag, 20. Januar 2009 um 09:31 >> antworten
Wenn mann weiss, wie weit heute die Kassam-Rakten fliegen, erkennt man, wie überlebenswichtig Land als Abstandhalter für Frieden ist.
Wenn man sieht, wie deutsche Polzisten pro-arabische Demonstrationen wie in Duisburg "schützen", indem sie bei Unbeteiligten im vierten Stock die Tür eintreten und die Israelflagge aus dem Fenster oder vom Balkon reissen, dann kann man nicht mehr glauben, dass Deutschland so pro-israelisch sei, wie Herr Herr Kollege: Carsten Kühntop glauben machen möchte.
Herr Kühntopp, Sie sollten vielleicht besser die wahren Ursachen erforschen statt erst 1991 anszusetzen. Die Agressionen begannen damit, dass Gross-Britannien Palästina sowohl den Arabern als auch den Juden versprach. Sie begann damit, dass die Arbaber die Zwei-Staaten-Lösung nicht akzeptieren wollten. Hamas will sie bis heute nicht akzeptieren. Bis heute wollen Sie die Israelis *ins Meer treiben*.
Ich bitte Sie, statt antijüdischen oder pro-arabische Rassismus zu betreiben künftig neutraler zu berichten. Beide Seiten haben Fehler gemacht und nur, wenn Sie helfen, beide Seiten zu versöhnen, hat Palästina (der israelische sowie der arabische Teil) eine Chance auf Frieden.
Wolf Biermann fasst das Dilemma wie folgt zusammen:
Wenn die Araber die Waffen niederlegen, wird es keinen Krieg mehr geben.
Aber wenn Israel die Waffen niederlegt, wird es Israel nicht mehr geben.
In Gottes Namen bitte ich Sie, fangen Sie an, zu versöhnen!
Mit freundlichen Grüßen
F. Hofmann
Mittwoch, 21. Januar 2009 um 10:28 >> antworten
Ich finde das Interview auch gut und überhaupt nicht pro für irgendwen.
Wenn man neutral berichtet so kann nur ein Anti-Israel und Anti-Besatzungs Bericht daraus folgen.
Ein Volk von 1.5 Millionen Menschen im größten Freiluft Gefängnis ein zu sperren und dann noch von jeglicher Hilfeleistung zu blockieren ist ein Verbrechen an die Menschlichkeit.
Im Gaza-Krieg starben nicht nur 1400 Menschen sondern auch die Menschlichkeit von Israel.
Im Gaza-Krieg wurden nicht nur über 4000 Menschen verletzt sondern auch die Menschenrechte.
Mit freundlichen Gruß
H. Mohsen
Donnerstag, 22. Januar 2009 um 08:41 >> antworten
Herzlichen Dank für das interessante Interview. Endlich ein deutscher Journalist, der unvoreingenommen berichtet.
Es wäre sehr schön, wenn er auch mal größere Reportagen oder Feature aus Palästina/Nahost machern könnte.Übrigens: wann endlich gibt es den ersten deutschen "Palästinakorrespon-
denten",also keinen Israeljournalsten, der auch mal aus den "Territories" berichtet und dabei seine israelische Brille nicht absetzt...Wann endlich?
herzliche Grüße!
Donnerstag, 22. Januar 2009 um 12:39 >> antworten