Herr Kollege: Torsten Teichmann, ARD Radio Tel Aviv/München
Torsten, Du warst wieder einmal während mehrerer Wochen im ARD-Studio Tel Aviv für den Hörfunk im Einsatz – journalistisches Heimweh nach dem Nahen Osten?
Gelegentlich. Ein Grund ist sicher der enorme Unterschied zwischen Realität und Wahrnehmung der Region: In Deutschland glauben immer noch viele, dass es einen Friedensprozess gibt. Im Nahen Osten gibt es keinen konkreten Hinweis darauf. Der zweite Grund ist ein persönlicher. Mit der Familie zusammen haben wir in den vergangenen Jahren Freunde hier gefunden.
Scheint mir recht anspruchsvoll zu sein, immer wieder monatsweise in den Nahen Osten einzutauchen. Wie kommst Du damit klar?
Ich versuche, den Anschluss nie ganz zu verlieren. Es gibt die Internetausgaben von israelischen Tageszeitungen, die palästinensische Agentur Maan News, wir haben einen täglichen Übersetzungsservice, der auch von Deutschland aus abrufbar ist. Das Internet macht vieles leichter, aber die erste Woche im Büro dient auch immer wieder der Orientierung, keine Frage.
Welche Themen haben Deine ARD-Redaktionen interessiert während des für hiesige Verhältnisse doch eher ereignislosen Sommers?
Mehr als 60 Prozent der Arbeit im Hörfunkstudio wird durch die Aktualität bestimmt; im Sommer`08 also Gefangenenaustausch Israel - Hisbollah, Obama in Ramallah und Jerusalem, Olmerts Rücktrittsankündigung und der fortwährende Machtkampf in Gaza. Daneben gibt es Anfragen aus Deutschland zu Themen, wie Wagner und die Israeli oder Israel und die Olympischen Spiele. Und dann hat jeder Reporter eigene Themen; ich habe zum Beispiel in diesem Sommer über das Geschäft der Schmuggler in Gaza berichtet.
Du bist als einer der wenigen Journalisten, die überhaupt noch rein gehen. Warum berichtest Du aus und über Gaza?
Grundsätzlich, weil Gaza zum Berichtsgebiet des ARD Studios Tel Aviv gehört. Für mich ist das Risiko derzeit abschätzbar, es gab schlimmere Jahre, damals hat niemand gefragt, warum ich fahre. Anders ist die Situation für palästinensische Mitarbeiter die in Gaza leben, wie zum Beispiel den ARD-Kameramann, der im Sommer verhaftet und gefoltert worden ist oder der Reuters Kameramann Fadel Shana, der im vergangenen April von israelischen Soldaten getötet worden war.
Wie groß ist denn bei den ARD-Radiostationen das Interesse an Berichten aus dem Gaza-Streifen?
Ich glaube mit der politischen Spaltung der Palästinenser in Fatah und Hamas, Westjordanland und Gazastreifen im Juni 2007 sind viele Hörer ausgestiegen. Das Interesse an reinen Berichten über Fatah haut Hamas, Hamas schlägt Fatah ist deshalb geringer als früher. Aber Reportagen über den Alltag, über Machtstrukturen in Gaza, Geschichten über Menschen, die Hintergründe transportieren, laufen immer gut.
Das Privileg des regelmäßig einfliegenden Journalisten ist es ja, gewisse Entwicklungen zu erkennen, die unsereins möglicherweise bloss noch als schleichenden Prozess erlebt – oder täuscht das?
Schwierig. Ich glaube, was sich über die Jahre verändert hat, ist die Geschwindigkeit der Entwicklungen: Hoffnung und Enttäuschung wechseln sich immer schneller ab; also Hoffnung auf eine neue Initiative zur Entschärfung der Situation und Enttäuschung über deren Misserfolg.
Wie würdest Du denn die Beziehung "der Israeli" zu ihren Politikern beschreiben?
Meiner Meinung nach lässt sich die Mehrheit der israelischen Gesellschaft von der Politik manipulieren. Mit den Worten „Terror" und „Sicherheit" kann jede beliebige Politik gerechtfertigt werden. Meiner Erfahrung nach will ein Teil der Bevölkerung auch gar nichts mehr hören, nichts mehr sehen. Das verschafft der gegenwärtigen israelischen Politikerelite weitgehend freie Hand– die öffentliche Kontrolle liegt allein beim Oberstaatsanwalt.
Und auf der palästinensischen Seite?
Purer Hass auf die Führung der Fatah um Präsident Abbas. In Gaza Enttäuschung und Verzweiflung über die Führung der Hamas. Wer in Interviews nicht auf die Politiker schimpft, ist meist Teil des Systems und bekommt Geld oder Vergünstigungen von einer der beiden Gruppen.
Und dennoch wollen uns ein paar Politiker - wie jüngst noch einmal Mahmoud Abbas und Shimon Peres - weismachen, die Chancen auf einen "Friedensvertrag" stünden gut. Blosses Politiker-Gequatsche, oder was?
Beide Politiker haben ja auch schon das Gegenteil behauptet und waren damit meiner Meinung nach näher an der Wahrheit. Aktuell ist es so: Die Palästinenser sind gespalten. In den jüdischen Siedlungen im Westjordanland drehen sich fleißig die Baukräne und Israels Politiker lehnen eine Teilung Jerusalems ab. Damit gibt es keine Lösung bis Ende des Jahres.
Warum dann aber dieses Festhalten an der Utopie?
Ein israelischer Freund sagt, Olmert und Abbas wollten sich als Alternative zu den Hardlinern präsentieren. Olmert und der Kadima-Partei sitzt der Likud im Nacken mit dem Wiederkehrer Netanjahu. Abbas muss sich von der Hamas abgrenzen. Deshalb gehen die Treffen auch nach Olmerts Ausscheiden wohl weiter – aus machpolitischen Überlegungen.
Torsten, was wird Dich in den nächsten Wochen journalistisch beschäftigen?
Ich arbeite in Deutschland bei einem Hörfunk-Nachrichtenkanal, dabei geht es vor allem um Aktualität, also die Landtagswahlen in Bayern im September, die Wahlen in den USA im November und auch alles, was aus Israel kommt.

