Beim Bier sitzen wir, die beiden Herren Kollegen. Entspannt, den Feierabend geniessend, versüsst mit einem Blick auf die aus der Universität schlendernde Jugend. Und dann bricht plötzlich der Verkehr zusammen: Die Strassenkreuzung mitten in Tel Aviv blockiert durch einen Kastenwagen mit Lautsprecher-Anlage, die in wahrlich ohrenbetäubendem Getöse – das war wirklich Lärm und keine Musik – alles zuschallt, was Augen und Ohren hat. Des Ohrengraus’ Erklärung: Die Anhänger des Lubawitscher Rebbes – eine rasend schnell wachsende ultraorthodoxe chassidische Gruppierung – laden die Studenten und Junggebliebene zur Einhaltung der jüdisch-religiösen Gebote ein. Nix mit studentischen Freiheiten und so, stattdessen beten und beten.
Bild: Israeli-art
Die Polizei schaut dem munteren Treiben der Ultraorthodoxen tatenlos zu, Verkehrschaos hin oder her. – Und der Herr Kollege, am Bier nippend, meint nüchtern: „Wir haben verloren.“ Wir, damit meint der Kollege die säkularen jüdischen Menschen in Israel.
Es ist davon auszugehen, dass der Kollege richtig liegt.
Das rabbinische Transport-Komitee fordert diese Woche orthodoxe Frauen auf, gefälligst kosher zu reisen. Konkret heisst das laut den Rabbinern, nicht nur hinten in den Bus einzusteigen, sondern dort auch sitzen zu bleiben. Vordereingang und vordere Sitzreihen sind den männlichen Geschöpfen unter dem gestrengen Auge des Herrn vorbehalten.
Und das rabbinische Transport-Komitee ist präventiv tätig: Da in Jerusalem zur Zeit an einer Tram-Linie gebaut wird, gilt die Sorge ebendiesen künftig durch Jerusalem fahrenden Tramwagen. „Die Trams sind nicht vereinbar mit den Bedürfnissen der ultra-orthodoxen Bevölkerung, weder materiell noch spirituell. Und die Absicht, die ultra-orthodoxe Bevölkerung zu deren Benutzung zu nötigen, birgt eine grosse spirituelle Gefahr in sich.“
Sie fragen sich, was denn die spirituelle Gefahr für die Tram-Benutzerinnen und –Benutzer ist? Die Rabbis haben auch dazu eine Antwort: Das Tram fährt durch eine nicht-religiöse Nachbarschaft, die Orthodoxen kommen also in Kontakt mit dem Leben ausserhalb ihrer eng abgesteckten eigenen Welt. Und das ist eben eine "spirituelle Gefahr", wie es auch Internet, Fernsehen oder etwa Kinos darstellen.
Letzte Woche wurde in Jerusalem das eingeweiht, wofür Israels Premier wohl allenfalls in die Geschichtsbücher eingehen wird: Ein Prachtsbau, genauer gesagt eine gewaltige Brücke am Stadteingang, die irgendwann einmal dann als Tram-Brücke benutzt werden dürfte. Prächtig auch mit Blick auf die Kosten: 23 Millionen Euro lässt sich der Premier den Calatrava-Bau kosten. Kostenüberschreitung vom feinsten: das Anderthalbfache der ursprünglich budgetierten Kosten ist die Brücke schwer.
Hey, da muss denn wenigstens eine nette Einweihungsfeier her – für umgerechnet 390 000 Euro. So sollte die "Jerusalem Dance Troupe" über die Bühne hüpfen; was vom feineren, dass das hiesige Land an Tänzerischem zu bieten hat, ein züchtig gekleidetes Tanz-Ensemble. Zuwenig züchtig freilich für die Orthodoxen: Kurz vor Beginn der teuren Performance hatte sich die Tanztruppe neu einzukleiden – ansonsten hätten die schwarz-weiss gekleideten Ultra-Orthodoxen die Feier gesprengt.
Und siehe da: Der Drohung der Religiösen wurde artig nachgegeben, die Tänzer mussten sich ein sack-ähnliches Stück Stoff überstülpen. Die Performance liess definitiv keine Brücken einstürzen – und die Orthodoxen gingen wieder einmal als Sieger von der Bühne, pardon Brücke.
Komisch, irgendwie kommen mir bei diesem Bericht die von Israel geächteten arabischen Staaten in den Sinn, die den Westen (wohl inkl. Israel) als dekadent und verdorben betrachten.. Ich schätze, zumindest in der Frauenfrage sind sich Fundamentalisten jedweder Couleur einig - seien es nun christliche, jüdische oder islamische. Und alle sind mir in gleichem Masse ... nicht sonderlich sympathisch (um es vorsichtig auszudrücken).
Samstag, 5. Juli 2008 um 17:01 >> antworten
Freitag, 11. Juli 2008 um 15:32 >> antworten